Wenn die EUREGIO ein eigener Staat wäre – EUREGIO-Kolumne „Grenzglück“

Von Martin Borck

Staaten, Länder und Regionen stehen im Wettbewerb miteinander: Größe, Wirtschaftskraft, Einwohnerzahl, touristische Attraktionen, Infrastruktur und kulturelle Angebote — all das und noch viel mehr spielt bei der Konkurrenz um Fachkräfte, für den Fremdenverkehr, die Lebensqualität und nicht zuletzt für die Identität der Bewohner eine Rolle.

Welchen Stellenwert nimmt die EUREGIO ein? Dass hier etwa 3,4 Millionen Menschen leben und die Fläche rund 13.000 Quadratkilometer beträgt, ist schnell zu ermitteln. Ein Blick in Vergleichstabellen zeigt: Wäre die EUREGIO ein eigenständiger Staat, läge er qua Einwohnerzahl auf Rang 131 (von 194) in der Welt, zwischen der Mongolei und Uruguay. Die EUREGIO hat mehr Einwohner als die EU-Staaten Litauen, Slowenien, Lettland, Estland und Luxemburg. Flächenmäßig läge sie auf Platz 157. Immerhin vor Katar. Und Katar hat sogar eine Fußball-WM ausgerichtet…

Spinnen wir den Gedanken eines eigenständigen EUREGIO-Staates mal weiter: Er wäre zweisprachig — was nicht ungewöhnlich ist, wie Beispiele wie die Schweiz oder Belgien zeigen, in denen es sogar vier bzw. drei Amtssprachen gibt.

Der EUREGIO-Rat könnte zum Parlament werden. Politiker mit Ministererfahrung in Berlin oder Den Haag gibt es hier eine ganze Reihe, etwa Boris Pistorius, Jens Spahn, Svenja Schulze, Anja Karliczek und Henk Kamp.

Als Regierungssitz würde sich die „Doppelstadt“ Enschede/Gronau anbieten, die verkehrstechnisch über Autobahnen, Schienen und einen Kanal gut zu erreichen ist. Der Flughafen Twente könnte als „Regierungsflughafen“ wieder in Betrieb genommen werden.

Was Forschung und Wissenschaft angeht, braucht sich die EUREGIO nicht zu verstecken. Universitäten (Enschede, Münster, Osnabrück) und Fachhochschulen bieten Bildung auf höchstem Niveau.

Die Region verfügt über ein breites Angebot an Kulturstätten: Theater in den größeren Städten, Konzertbühnen selbst in mittelgroßen Orten, Museen sogar in vielen Dörfern. Festivals wie das Freshtival in Enschede, das Jazzfest in Gronau oder Zwarte Cross in Lichtenvoorde sind weit über die Grenzen der Region bekannt.

Die hiesige Wirtschaft wird getragen von vielen mittelständischen Betrieben, darunter etliche „Hidden Champions“. Weltbekannte Unternehmen wie Booking.com und Takeaway.com (in den Niederlanden thuisbezorgd.nl, in Deutschland: Lieferando.de) wurden in der Region gegründet. Schon jetzt sind die grenzüberschreitenden Wirtschafts- und Handelsverflechtungen intensiv — nicht zuletzt dank Interreg.

Nur mit Bodenschätzen sieht es in der Region mager aus. Bis auf Salz, das im westlichen Münsterland und Twente gefördert und in der chemischen Industrie verwendet wird, gibt es nur in Richtung Emsland im geringen Maße Ölvorkommen. Die Kohlezechen in Ibbenbüren und Ahlen sind geschlossen.

Die EUREGIO ist Heimat berühmter Personen (gewesen). Darunter befinden sich ein Nobelpreisträger (Johannes Georg Bednorz, für Physik), ein Oscar-Preisträger (Bert Haanstra) und ein Astronaut (Wubbo Ockels). Schauspielerinnen wie Franka Potente und Johanna ter Stege, Musiker wie Jasper van’t Hof, Udo Lindenberg oder Götz Alsmann und ihre Kolleginnen Ute Lemper und Ilse de Lange sind ebenfalls Kinder der Region. Die Enscheder Band „Teach-in“ gewann ein Jahr nach Abba den „Grand Prix d’Eurovision de la Chanson“ (den heutigen ESC).

Und ein weltberühmter Fußballer, der bei der WM 1954 das Siegestor für Deutschland schoss, war ein früher „Grenzgänger“: Helmut Rahn spielte ab 1960 drei Jahre für den SC Enschede.

Das Logo und die Farben der EUREGIO könnten in einem EUREGIO-Staat in die „Nationalflagge“ eingearbeitet werden. Foto: Martin Borck